Spielgruppenzwang für Kleinkinder – CVP-Fraktion betrunken

In der kommenden Session will die St. Galler CVP eine Motion einreichen, die Spannendes fordert: Kleinkinder im Alter zwischen zwei bis fünf Jahren sollte mindestens drei Halbtage pro Woche in eine Spielgruppe oder eine andere betreute Gruppe gehen müssen.
Damit wir uns nicht missverstehen: Meine Tochter geht dreimal pro Woche je einen halbe Tag in die Spielgruppe und ist somit freiwillig CVP-konform. Das scheint aber offenbar nicht zu reichen. Die Motion erklärt erstmal langatmig, weshalb Kinder von Spielgruppen profitieren um dann die notwendigen Mittel für eine breite Abdeckung im Kanton zu fordern. Soweit so gut.

Dann aber verliert die selbsterklärte Familienpartei den Boden unter den Füssen: Die CVP will dies  nicht zu einem optionalen Angebot, sondern zur allgemeinverbindlichen Pflicht erheben. Der Staat soll den Eltern also die Kinder zwangsweise während drei Halbtagen pro Woche entziehen, um eine gesunde Entwicklung zu ermöglichen. Da hört die Vernunft auf und beginnt der Staatsinterventionismus in der Kindererziehung deutsch-demokratischer Prägung.

Ganz abgesehen davon, dass die Finanzierung eines solchen Angebots alles andere als eine Kleinigkeit ist (zumal es wirklich für alle Kinder Platz haben müsste), ist das Anliegen eine Bankrotterklärung an das klassische Familienmodell. Ein Zwang träfe viele Familien, die ausreichend Zeit haben, sich um ihre Kinder zu kümmern. Die CVP will dem Staat damit nicht nur die Verantwortung für die Bildung übergeben, sondern auch die Erziehungsverantwortung verstaatlichen.

Ich finde eine Ausweitung des Krippenangebotes sinnvoll - es fehlen heute tatsächlich ausreichende Betreuungsmöglichkeiten. Wer dieses Anliegen aber mit einer Kindesentziehung verbindet zeigt, dass er es eigentlich gar nicht ernst meint. Chancen hat das Anliegen wohl eher nicht. 

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13 Kommentare

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Gepostet von Dominik Zogg 28.05.09
Ich hoffe mal nicht, dass Sie im Endeffekt genau das Gegenteil von dem erreichen, dass Sie ursprünglich wollten...

Gepostet von tin 28.05.09
Finde ein Obligatorium auch deplaziert. Aber bitte nicht so blind sein: Jede ausserfamiliäre Betreuungssituation ist gleichzeitig immer auch Kindererziehung - das kann man schlicht nicht trennen. Es gibt Eltern, die meinen, ihre Kinder von "der bösen Welt" freihalten zu können - sowas ist genau so verkehrt, wie der CVP-Ansatz.

Gepostet von Michael Jäger 29.05.09
@TIN Da hast Du natürlich recht - die Frage ist dann halt aber, ob man Erziehung zwangsweise als Staatsaufgabe sieht oder nicht. Ich finde eher nicht.

Gepostet von Rektor Skinner 04.06.09
Das \"entziehen\" ist doch etwas drastisch ausgedrückt. Doch prinzipiell teile ich deine Meinung in Bezug auf normale Familien. Nach Zita Küng seien Kinder zwischen 2 und 5 Jahren noch auf die Bezugsperson angewiesen um in einer Spielgruppe das Vertrauen zu Kindern und der GruppenleiterIn auf zu bauen.

Doch darf man nicht vergessen, dass es auch Kinder gibt die mit Vorteil den Bezugspersonen entzogen werden: \"Eine Vielzahl von Studien vornehmlich aus dem US-amerikanischen Forschungsraum, die sich mit kurzfristigen Effekten einer Kindertagesbetreuung beschäftigen, belegen, dass insbesondere die kognitive Entwicklung von Kindern aus Familien mit einem niedrigen sozioökonomischen Status und aus anregungsarmen Elternhäusern durch eine qualitativ gute Betreuung in Kindertageseinrichtungen maßgeblich gefördert wird. (R. Schlack · H. Hölling · B.-M. Kurth, Robert Koch-Institut, Berlin)\" Es fragt sich auf welcher Erkenntnisgrundlage die Motion der CVP aufbaut.

Gepostet von Alexander Müller 07.06.09
Bravo, endlich ein liberaler Artikel. Schön, dass auch ein FDP\'ler langsam erkennt, dass die CVP immer weiter nach links abtriftet (deutsch-demokratischer Prägung...muahahahaha)

Gepostet von Simon Messmer 09.06.09
Ich finde die Idee mit dem Spielgruppen-Obligarium auch übertrieben, aber es ist vom Ansatz her wohl immer noch besser als die FDP-Idee mit der früheren Einschulung und dem Frühenglisch. Das wäre wohl eine massive Überforderung für Leistungsschwache Schülerinnen-und Schüler.

Gepostet von Michael Jäger 10.06.09
Inzwischen ist die CVP kommunikativ zurückgekrebst: Sie hätten ja gar kein Obligatorium gemeint, sondern nur ausreichend Plätze für alle, die einen Platz wollen. Dass es aber sogar das Tagblatt missverstanden hat spricht nicht unbedingt für die PR-Fähigkeiten der Familienpartei.

Gepostet von karlo 14.06.09
Schickt doch endlich mal Eltern in Erziehungskurse. Das wäre billiger und vor allem um ein Vielfaches nachhaltiger.

Für persönliche Entscheide von Erwachsenen (Kinder haben zu wollen) muss wieder mal der Staat die Verantwortung übernehmen und Kinder die Folgen ausbaden.

Wer Kinder haben und trotzdem arbeiten will, soll sich selbst organisieren und nicht immer die armen, sozialschwachen Familien, die sich nur die billigen Wohnungen an dicht befahrenen Strassen leisten können, als Grund vorschieben.

Ausserdem hat jedes Kind 2 Elternteile. Da ist es zumutbar, dass sie während der kurzen Kleinkindzeit ihr Arbeitspensum etwas reduzieren.

Kinder haben wollen aber weiterleben wie als Single, dh. keine Sekunde auf Karriere, Auto, Flugreise, Einfamilienhaus etc. verzichten wollen.
Kein Wunder wird unsere Gesellschaft immer kinderfeindlicher, wenn kaum einer mehr bereit ist, genügend Respekt vor den Bedürfnissen von Kindern zu haben und die Selbstverwirklichung oberstes Lebensziel bleibt.

Für entwicklungsfeindliches Kinderumfeld sind einzig und allein die Erwachsenen verantwortlich.

Lieber kinderfreundliche Quartiere statt direktem Zugang von der Tiefgarage zur Wohnung.

Gepostet von Dominik Zogg 15.06.09
Ich bin noch nicht in der Lage, da wirklich urteilen zu können, doch es scheint mir trotzdem ein wenig an der Realität vorbei gelebt, wenn jemand kommt und folgendes sagt: "Da ist es zumutbar, dass sie während der kurzen Kleinkindzeit ihr Arbeitspensum etwas reduzieren.".

Nicht jeder verdient geügend Geld für eine Familie um sich das leisten zu können und nicht jeder Arbeitgeber kann damit leben, dass sein Mitarbeiter weniger Zeit in der Firma verbringen will.

Gepostet von karlo 15.06.09
Doch. Jeder in der Schweiz verdient genügend Geld, um sich das leisten zu können. Nur ist nicht jeder bereit, auf etwas zu verzichten, zu Gunsten mehr Zeit mit seinen Kindern.

Das Geheule von Leuten, dass Kinder teuer sind, kenn ich. Trotzdem steht bei denen alle paar Jahre ein neues Auto vor der Hütte, haben ihre Kinder immer die neusten Spielsachen, immer die modischsten Labelkleider, jedes ein eigens Zimmer, verzichten auf keine Ferienreise etc.

Es geht mehr um Werthaltung. Was ist wertvoller? Materieller Reichtum oder eine intensive Beziehung mit dem Kleinkind.

Kein Mensch in der Schweiz muss wegen Kindern hungern, hat kein Dach über dem Kopf, kann sich den Arzt nicht mehr leisten etc.

Falls Kinder wirklich zu materieller Not führen würden, dann wär es besser die Kinderzulagen zu erhöhen, statt Krippen, Tagesschulen, Spielgruppen, Steuerabzüge etc. auch für Reiche zu finanzieren.

Nur wenn die Nachfrage nach mehr Teilzeitjobs grösser wird, wird auch das Angebot grösser und somit auch die Bereitschaft und das Verständnis von Arbeitgebern.

Deine Realität scheint an der Schweizer Grenze halt zu machen.

Gepostet von Michael Jäger 15.06.09
Piano, piano. Wir haben heute bereits einen Unkostenbreitrag der Eltern, der in Abhängigkeit vom steuerbaren Einkommen beträchtliche Höhen erreichen kann. Es ist ein bisschen einfach zu behaupten, dass wer seine Kinder in eine Krippe steckt, ein Egoist ist, dem man die Erziehungsberechtigung entziehen sollte. Die Motivationen sind da sicher vielfältiger als nur das Monetäre.

Davon abgesehen ist es nicht nur eine Frage des ob, sondern vor allem des wielange ein Kind in die Krippe gehen darf/muss.

Im Übrigen: schon mal über alleinerziehende Mütter nachgedacht?

Gepostet von karlo 15.06.09
Blogeintrag auf www.michael-jaeger.ch

Unkostenbeitrag? Selbst finanzieren!
Schliesslich verfügen sie dadurch über die Möglichkeit ein Zusatzeinkommen zu erzielen, das andere nicht haben.

Ist die freie Wahl, ob man seine Kinder selbst- oder fremdbetreuen will, ein Privileg von Reichen?
Alle Armen sind zur Erzielung eines existenzsichernden Familieneinkommens gezwungen, beide arbeiten zu gehen und ihre Kinder in Krippen zu schicken?
Meinst du, Fliessbandarbeit, Büro-WCs putzen sei für diese die befriedigendere und volkswirtschaftlich sinnvollere Arbeit als die eigenen Kinder kompetent erziehen?

Statt höhere Kinderzulagen, um in einem freiheitlichen Land auch jedem diese freie Wahl zu ermöglichen, werden nun zB. mittels immer höheren Kindersteuerabzügen, staatl. Förderung von externer Betreuung genau die Falschen entlastet.

Alle Kinder haben meist 2 Elternteile. Es gibt darum keine alleinerziehenden Mütter, sondern nur ein kinderfeindliches Scheidungsrecht, wo sich einer durch Geldzahlungen der Erziehungsverantwortung entledigen kann.
Scheidungspaare sollten gezwungen werden, sich zum Wohle des Kindes zusammenzuraufen.

Väter haben genauso die Verantworung zumindest ihren 50%-Anteil an der Kinderbetreuung zu übernehmen. Schliesslich ist heutzutage jede Mutter genauso fähig genausoviel Kohle heimzubringen wie Väter.

Krippen, Mittagstisch, Tagesschulen etc. sind doch eine Erfindung von Männern, damit sie ihre soziale Verantwortung für die Familie nicht übernehmen müssen.
Nicht umsonst kommt die vermehrte Forderung nach externen Betreuungsplätzen, seit Mütter nicht mehr bereit sind, die ganz Verantwortung für die Familie alleine zu tragen.
Verkauft wird dann das ganze als Bildungskosten, obwohl es Sozialkosten sind.

Abwechslend ein Elternteil kann sich wohl mal drei-vier Jahre aus dem Berufsleben ausklinken, es bleibt dann immer noch genügend Lebenszeit für Karriere, und die einmalige Gelegenheit, die Entwicklung eines Kleinkindes aus nächster Nähe mitzuerleben, ergreifen.
Das sollte nicht nur zumutbar, sondern als bereichernde Lebenserfahrung angesehen werden.
Dies fördert auch den dringend notwendigen höheren Respekt vor den Bedürfnissen von Kindern in unserer Gesellschaft.
Oder hat schon jemand die Kinder gefragt, ob sie lieber in die Spielgruppe oder mit Mami oder Papi auf den Quartierspielplatz wollen?

Ausserdem sind Kleinkinder noch billig, da kann man sich diesen \"Luxus\" leisten.

Gepostet von karlo 15.06.09
Und noch dies:

Spielgruppenzwang wurde darum gefordert, weil immer mehr Kinder in einem entwicklungsfeindlichen Umfeld aufwachsen und darum immer höhere (Bildungs-?)kosten an Schulen und dann als Erwachsene bei Sozialwerken verursachen.

Aber statt inkompetente Eltern (jeder Pädiater sollte fähig sein, Entwicklungsrückstände bei Kindern erkennen zu können)in obligatorische Erziehungskurse zu schicken, für kinder- statt autogerechte Wohnquartiere zu sorgen, müssen Sie besser in \"pädagogisch wertvolle\" künstliche Beschäftigungstherapien.

Egal ob es Kinder gibt, die sich selbst sinnvoll beschäftigen können, gelernt haben, dass Langeweile auch positive Aspekte hat, auf Bäume klettern können, mit anderen Quartierkindern Bäche stauen, Insekten beobachten, auf Wiesen Pürzelbäume schlagen, sich unabhängig von einem Erwachsenen, in Kindergruppen integrieren können, mit anderen Kindern streiten, ohne nachtragend zu sein, zu seiner Meinung stehen, auch wenn die Nachbarskinder anderer Meinung sind etc.

Kommt mir vor wie: ist der Urwald abgeholzt, schicken wir die Tiere halt in artgerechte Zoos.
Ob Zoos die gleiche Artgerechtigkeit wie ein Urwald für die gesunde Entwicklung der Tiere liefert, kann jedoch bezweifelt werden.

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